Kurzgeschichten, ob gute, schöne, moderne, traurige oder Liebes-Erzählunen, Hermann Jonas, Autor, Dichter und Denker brennt mit
seinen Gedichten und Kurzgeschichten über Liebe, Hass, Alltagsstress und Wünsche die Gehirne frei und lässt Herzen vibrieren.
Wer gute Gedichte, moderne Märchen, spannende Science-Fiction, schöne Prosa, gute Poesie, oder Top-Lyrik sucht, ist bei diesem
Schriftsteller richtig gelandet. Sein Gedichte- und Kurzgeschichtenband Herzattacken ist zur Zeit noch ein Geheimtipp,aber Vorsicht !,
sein Buch sollte nur in Anwesenheit eines Notarztes gelesen werden.

Hauptseite Gedichteseite Kurzgeschichten (c)Hermann Jonas



The Sun ain't...


"The Sun ain't gonna Shine any more" - Butterweiche Töne eines aus den 60er Jahren
stammenden Schmusesongs von den Walker Brothers erklingen leise aus dem Radio.

Es ist immer dasselbe. Normalerweise müsste ich jetzt diese Bar verlassen oder sofort die
Musik ausstellen, aber beides ist nicht immer möglich und in meinem Fall schon gar nicht.

Ich liebe Musik, ich liebe Musik einfach über alles. Gerne wäre ich ein berühmter Sänger
oder ein Gitarrist geworden - nicht unbedingt der Berühmtheit wegen oder des vielen
Geldes - nein! - ich liebe Musik, und ich teile sie gerne, und wenn ich berühmt wäre,
dann könnte ich dieselbe Musik mit vielen mir lieben Menschen teilen.

Leider hatte sich der Sänger nach meinem Stimmbruch erledigt, tja, und der Gitarrist
klappte mangels Fingerfertigkeit auch nicht.

-


"The Sun ain't gonna Shine any more" … Obwohl ich mich ein wenig vor den Auswirkungen
dieses Liedes auf meine Stimmung fürchte, summe ich genüsslich den Refrain mit. Meine
Gedanken fangen an, sich an die Musik zu lehnen und sie mit einem "Hallo, da bist du ja,
mein alter Freund" zu begrüßen, und dann fragen sie mich "Mann, weißt du noch, was waren
das für Zeiten."

Ja, das waren Zeiten gewesen! Meine Erinnerungen manifestieren sich zu einem starren
Blick, und die scheinbare Leere in meinen Augen füllt sich mit Erlebnissen aus der Ver-
gangenheit, Erlebnissen, die ich schon vergessen hatte oder besser gesagt vergessen wollte.

Und genau das ist mein Problem, ich erinnere mich oft, wann und wo ich welches Musikstück
zum ersten Mal oder am intensivsten gehört habe, und nicht nur an einsamen Tagen höre
ich Musik sehr intensiv.

"The Sun ain't gonna… "
-


"Hermann, ich weiß, dass du gerade am Essen bist, aber kannst du sofort mit mir kommen ?"
fragte Schwester Gabi. Sie hatte die Krankenzimmertür aufgerissen und gleich darauf mir
zugewandt losgeredet.

"Warum denn?", fragte ich und überlegte, ob ich irgendeinen Untersuchungstermin vergessen hatte.

"Nun komm schon, du sollst deine kleine Freundin besuchen."

"Wer sagt das? Ich denke, sie ist operiert worden. Ist sie denn schon aus der Narkose
aufgewacht? und außerdem habt ihr mir verboten, sie zu sehen."

"Ja, ich weiß, das waren aber nicht wir, das waren ihre Eltern. Jetzt komm bitte schnell mit.
Sie will dich unbedingt sehen, und es muss jetzt sein!", drängelte die Schwester.


Jetzt fing ich an, mir Sorgen zu machen. Ich mochte Martina, und ich wusste, welche Operation sie hinter sich hatte. Sie war am Rückgrat operiert worden, dieselbe Operation hatte ich ein Jahr vorher hinter mich gebracht, und bei mir standen die Chancen, bei diesem Eingriff für immer querschnittsgelähmt zu sein oder gar zu sterben, bei jeweils 1 zu 1000.

Ich löste meine Rollstuhlbremsen und rollte sofort auf den Stationsflur. Dort schob mich dann
Schwester Gabi weiter.

"Wir müssen nicht weit", sprach sie. "Deine Freundin liegt hier unten auf der Männerstation
in einem Einzelzimmer."

Warum dies der Fall war, erklärte sie mir nicht, aber wahrscheinlich war die Frauenstation
überbelegt, das dachte ich jedenfalls.

"Du darfst aber nicht lange bleiben, und bitte erzähle keinem, dass du sie besucht hast. Nur
wir und der Doktor wissen darüber Bescheid."

Allmählich bekam ich Angst. Normalerweise ließen das Personal und die Ärzte einen Besuch
nach einer schweren OP innerhalb der ersten Tage nicht zu.
Damals jedenfalls, so um das Jahr 1974 war es so. Meine Mutter hatte mich auch nach dem ersten Tag besuchen wollen, und wenn sie nicht das halbe Krankenhaus zusammen geschrieen hätte, dann hätte sie mich auch nicht für 5 Minuten sehen dürfen.

"Kann ich denn alleine bei ihr sein?", fragte ich sie.

"Aber natürlich, aber mach nicht zu lange, du kennst das ja."

Nun waren wir am Krankenzimmer angelangt. Schwester Gabi öffnete leise die Tür, und ich
rollte vorsichtig hinein.

"Wo ist sie denn?", flüsterte ich

"Da, rechts an der Wand", antwortete sie und zog die Tür hinter sich zu.

Ich brauchte einen Augenblick, um mich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Obwohl
draußen die Sonne schien, war hier nur eine Art von gelbem Dämmerlicht. Das einzige
Fenster im Raum war recht klein, und direkt vor ihm versperrten schwankende, mit grünen
Blättern bestückte Äste eines Baumes das Tageslicht. Das Zimmer lag auf einer der Sonne
abgewandten Seite.

Dieses gelb-grünliche von Schatten durchsiebte Endzeitlicht und die tiefe Ruhe, von der ich
auf einmal umgeben war, ist mir noch heute unheimlich.

Vollkommen eingenommen von dem ersten Eindruck suchten meine Augen die "rechts
liegende Martina".

Das Krankenbett war schneeweiß, es stand parallel zur Wand, etwa einen Meter vom Fenster entfernt. Es waren keine medizinischen Geräte zu entdecken, keine Blutkonserven, keine Sauerstoffzufuhr, einfach gar nichts.

Ich war fast überzeugt, im falschen Zimmer zu sein. Trotzdem rollte ich ganz langsam zu dem Bett hin und passte höllisch auf, damit ich nicht aus Versehen gegen den Bettrahmen stieß. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass solch eine "Erschütterung" Schmerzen verursacht, die nur mit dem Hin- und Herdrehen eines Messers in einer tiefen offenen Wunde zu vergleichen sind.

Da lag sie nun, nur ihr schwaches Atmen verriet mir, auf welcher Seite ihr Kopf lag. Sie war
mit einem hauchdünnen weißen Laken vom Kinn bis über ihre Füße bedeckt.

"Bist du das, Hermann?" - "Ja", sagte ich.

- Und genau jetzt, jetzt könnte ich schon wieder anfangen zu heulen.

Sie zitterte wie eine kleine Katze, wie ein ängstliches Katzenbaby, das man zum ersten Mal in seine Hand nimmt. Ich spürte ihre Hilflosigkeit, ich konnte ihre Schmerzen beinahe fühlen, und ich hätte ihr gerne ein paar davon abgenommen. Es war eine erschreckende Begegnung. Sie erinnerte mich auch an meine Leidenszeit, und ich konnte nur unter großen Mühen meine Gefühle verbergen.

Aber ich wusste, dass ich nicht anfangen durfte zu weinen. Ich konnte und durfte ihr nicht das Gefühl von meiner Machtlosigkeit bzw. ihrer Machtlosigkeit geben.
Denn wenn sie merkte, dass ich nicht mit ihrer Situation klar kam, wie sollte sie es dann
selber mit sich tun.

"Rede nicht so viel, du weißt doch, das strengt an, du musst dich jetzt ausruhen und viel
schlafen, ich bin ja bei dir", sprach ich leise.

"Ist die Operation gut verlaufen? Hast du noch Gefühl in den Zehen", wollte ich wissen -
"Ja."

"Kannst du sie bewegen?" - "Ja."

"Hast du große Schmerzen?" - "Es geht, ich bekomme Morphium."

"Das habe ich auch bekommen", erwiderte ich, vergaß aber dabei zu erwähnen, dass ich vom
Morphium Alpträume bekommen und es auf eigenen Wunsch nicht mehr genommen hatte.

"Siehst du", sprach ich fröhlich weiter, "von jetzt ab werden die Schmerzen von Tag zu Tag weniger, in drei bis vier Tagen geht es dir schon viel besser." - Ich hatte schon wieder gelogen.

"Hermann, kannst du mir das Laken weiter runterziehen? Es ist so warm hier", bat sie mich.
Ich zog es bis zu ihren Schultern herunter.

"Ziehe es bitte noch weiter runter." - "Noch weiter? Aber du hast doch ,darunter' nichts an!"

"Das macht nichts", flüsterte sie. "Das stört doch nicht, oder?"

Ich zog ihr das Laken bis fast zu ihren Brustwarzen hinunter und fragte, ob es jetzt besser
wäre.

"Ja, so ist es gut", sprach sie.

Danach schwiegen wir beide. Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte, ich wollte sie auch
nicht durch meine Anwesenheit überanstrengen.

-
-
Ich merkte, dass sie weinte. Tränen rollten ganz langsam über ihre Wangen. Ich tat so, als ob ich es nicht bemerken würde. Sie weinte sicherlich vor Schmerzen, und vielleicht war es ihr peinlich, wenn ich sie daraufhin ansprach.
-
-
Stille.
-
-
"Hermann, kannst du mich ein bisschen streicheln?" -

"Ja, das mach ich." Ich streichelte ihre Wangen ganz sanft, und ganz nebenbei verwischte
ich ihre Tränen.

" Hermann, magst du mich ein bisschen?" -

"Ja, das weißt du doch, hast du das noch nicht gemerkt?"

" Hermann, ich hab dich so gerne." Und während sie das sagte, schossen ihr schon wieder
Tränen aus den Augen.

"Ich dich doch auch", antwortete ich.

Nach einer weiteren Weile gemeinsamen Schweigens versprach ich ihr, sie in ein paar
Stunden wieder zu besuchen.

"Das geht nicht", antwortete sie. "Ich werde gleich abgeholt, ich komme in ein anderes
Krankenhaus, wir werden uns nicht wiedersehen."

"In ein anderes Krankenhaus? Jetzt schon? Warum das denn?", fragte ich.

"Dort können sie mir besser helfen, meinen die Ärzte."

Ich schwieg. Ich begann zu ahnen, warum ich sie noch einmal sehen durfte. Irgendetwas
musste bei der Operation schief gegangen sein. Und mein Besuch war ihr letzter Wunsch,
der nur erfüllt wurde, weil alle anderen versagt hatten. Eine nicht zu beschreibende
Traurigkeit ergriff mich.

Einige Augenblicke später wurde meine Besuchzeit beendet. Die Krankenschwester zog mich in meinem Rollstuhl rückwärts fahrend aus dem Zimmer heraus.

Mein letzter Blick galt Martina, sie weinte noch immer.

Ich werde niemals diesen Abschied und diesen von der Sonne gemiedenen Raum vergessen.